(Moritzburg, Halle, Januar 2022)

Sonntagnachmittag. Gleich zu Beginn lande ich im Spiegelkabinett. Selbstbildnisse. Auf einem der Bilder versteckt der Künstler sich. Es stellt ein Tableau gesellschaftlicher Wirklichkeit aus seiner Sicht dar. Schließlich finde ich ihn am unteren Rand des Bildes. Als hielte er ein Plakat nach oben. Wie Sitte die Welt sieht. Spiegel gibt es aber noch mehr. Um sich seiner selbst immer wieder zu vergewissern, sagt eine Freundin. Narzissus, mal mit Farbtube, mal mit Pinsel. Der Künstler mit Pinsel. Sieh an!
Der Künstler mit freiem Oberkörper und Bauhelm. Village People. Vom Dorf kommt er. Seine Eltern hat er auf drei Gemälden dargestellt. Einmal zu formalistisch, zu echt, sagt der Politkommissar. Einmal mit Werbung für die kommunistische Partei. Das war wohl dann das Richtige. Eltern mit Hühnern und Eiern. Bauern und Kommunisten aus dem Sudetenland. Später malt sich Sitte, schon im eigenwilligen Inkarnat, das seinen Stil prägt, zusammen mit seinem Vater, in der Sauna, freie Oberkörper. Alter Mann, älterer Mann. Im Hintergrund eine mythologische Figur. Eine Bacchantin. Weil sie beide gerne Wein tränken, sagt er dazu. Sieh an!
Seine Mutter ärgerte es, auch das erzählt er gern, wenn er die papiernen Einkaufstüten auseinandernahm und als Malgrund benutzte. Heimlich, auf dem Dachboden. Ein Zeichentalent. Kollegen bescheinigen ihm, dass er aus dem Stand beliebige Perspektiven mit korrekten Verkürzungen zeichnen konnte. Eine Inselintelligenz für die Insel der Seligen.
Ein Kinderbild. Er trägt zum Fasching ein Pierrotkostüm und eine Maske. Aber er versteckt sich nicht. Er ist immer der, der er ist. Ich habe viermal das „Kommunistische Manifest“ gelesen, verrät er in einem Interview nach der Wende. Daran habe ich festgehalten. Aber das „Kapital“ war mir zu wissenschaftlich, sagt er sinngemäß.
Der Autodidakt verfeinerte sein Handwerk 1940 an der Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei in Kronenburg in der Eifel. Wandteppiche für Hitler. Irgendwann musste er da weg. Nach Italien mit der Wehrmacht. Er stilisierte sich zum Widerstandskämpfer, bemalt die Wände des Rathauses in Montecchio Maggiore.
Ich entdecke eine frühe farbige Zeichnung aus den 40er Jahren. Sie zeigt eine Fluchtszene, Menschen wohnen in einer Scheune, sie suchen Deckung und zugleich etwas Intimität. Unruhe und Kälte verbreitet sich über das Bild in der Vorstellung des Betrachters. Nur aus dem Hintergrund strahlt ein warmes Licht. Im Gedrängel der Ausstellungsbesucher, die mir kaum Zeit lassen das Bild in Ruhe anzuschauen, meine ich die Heilige Familie ausgemacht zu haben. Schon damals stand sie bei Sitte im Hintergrund. Irgendwann würde er sie aus ideologischen Gründen ganz durch die Holzwand der Scheune schieben. Diese Exilanten hätten dann keinen Platz mehr; ohne dass er noch viel darüber nachdenken würde.
Bald schon wendet er sich ganz ab vom Wehleid seiner Generation, flicht sein Sein in die Spitze der Pinsel, bis er das berühmte Inkarnat in seiner Weise, teuflisch rot und verwischt, malen konnte. Dabei blieb es. Vor der komplizierten Wirklichkeit schirmt er sich ab, übernimmt die vorgegebene Weltsicht, meist projiziert auf nackte Haut. Er will nicht noch einmal in die Verlegenheit kommen, fliehen zu müssen.
Er landet also in Halle und malt und collagiert, gerne mit dem Neuen Deutschland. Einmal ist auch die Volksstimme dabei. Zunächst aber probiert er sich in den Stilen der Moderne. Ein bisschen Picasso hier, ein wenig Guttuso dort. Propagandaplakate, Arbeiterkörper, Frauenkörper und ein wenig Tanzvergnügen. Fast wie in den Goldenen 20ern.
Mitten zwischen der Lebensrealität, wie Sitte sie sah, ein Rufer. Ein Rufer, wie bei Jesaja? „Horch, ein Rufer: Bahnt den Weg des Herrn in der Wüste, in der Steppe macht die Strasse gerade für unseren Gott!“ Also, in des Künstlers Übersetzung, bahnt die Strasse in die sozialistische Gesellschaft. Bahnt den Weg für mich, Willi Sitte, dem international geachteten Künstler und Mann mit freiem Oberkörper. Allerdings wird das von den Aufsehern erst in der zweiten Fassung akzeptiert. Sittes Anpassungsschwierigkeiten.
Passgenau hängen dann auf der anderen Seite der Stellwand die Ruferinnen. Vermaledeite Frauen, die das Künstlerherz um den Verstand bringen. Nicht mehr leben möchte er, in dieser wehleidigen Schwachheit. Er wird noch rechtzeitig gefunden.
Die zweite große Enttäuschung in seinem Leben sind die wendehälsigen Arbeiter selbst. Wenden sich ab von seinen Bildern und folgen lieber dem Lockruf des Geldes. Dem goldenen Westen. Dem Mittelmaß. Künstlerisch und gesellschaftlich. Die empfundene Geschmacklosigkeit, der Ekel vor dieser Wende ist in Sittes späten Bildern unübersehbar. Ich wende mich ab.
Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich bin mir treu geblieben, mir. Beharrlich wiederholt Sitte diese Sicht der Dinge. Gegenüber den Vorwürfen. In Interviews. Auf dem Sofa in seiner halleschen Wohnung schaut er verbittert und trotzig in die Kamera.
Sittes Welt. Im Museumsshop will ich mir einen Katalog besorgen. Die Eindrücke noch einmal in Ruhe vergegenwärtigen. Der Katalog ist ausverkauft.