beschämung

verliere nicht dein gesicht

im spiegel, sonst

bist du nichts,

das ansehen und ansehn

der person entscheidet sich

nach der barmherzigkeit,

wer das geschenk ausschlägt

wird beschämt;

unbarmherzige

mit unbarmherzigkeit

behandelt

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sitzwache

aus einem buch,

der alte gesang:

unsre zeit,

der kurze traum,

flieht dahin

gedankenflucht

im kirchenschiff

schriller psalmenklang

ist doch der mensch

gleich wie nichts;

seine zeit fährt hin

wie ein schatten

denn:

passanten mustern

farben & malgründe

und übersehen sich,

strotzen vor missmut

und ekel; die anmut

der halbwelt, zugleich

verloren, für 1 moment

nach dieser 1/2 stunde

verliere ich mich und

schaue, schönheit der

alten gebrochenen verse

typoscript

sie ist laut

ihr anschlag ist vorgegeben

nur eine leicht berührung nötig

und manche tasten

bleiben ein rätsel,

ich ignoriere sie;

mühsam, wort für wort,

mitunter auch letternweise,

suche ich jeden fehler zu meiden,

wie sich mein inneres dagegen sträubt

dennoch: im ergebnis, ist es nah,

lesbar, luftig; die eigene hand

erscheint auf dem typoscript

fast tänzerisch leicht, charmant;

es lädt zur korrektur ein, die sich

elegant und ohne scheu einstellt;

heißt mich einen narren,

doch das typoscript

erhebt mein herz

von der

modernität der lyrik,

sie altert und doch nicht

ihre bilder und formen

scheitern am zeitgeist

und treiben auf die insel zu

sind erschöpft in der brandung

oder treten auf den strand

zünden ein feuer an

oder errichten ein zelt aus reisig

befremdlicher welt gleich

oder vertraut in den symbolen

und archetypen, wahrlich, wahrlich

tweet, 16. Juni 2017*

die rieke, 

das wasser zwischen gräsern,

der alte fluss

unter genieteten nägeln,

verwirbelt das rauschen der gleise,

verschwimmt die erinnerung

in kiefernheißen lichtfetzen

und den aromatischen wunden,

so lagern die tage als ring

der narben, der sehnsucht

Die Zauberin vom Atlasgebirge 2

8
und der alte Silen schwenkt einen frischen lilienstab, die horde der waldgötter
kommt, heiter, wie die zikaden im dichten
olivenhain, trunken von des mittags tau,
bald gefolgt von Dryope und Faunus,
den Gott zu einem neuen lied aufreizend
bis sie in der höhle die herrin fanden, allein,
auf ihrem steinernen sitz aus smaragd.

9
unsichtbar weitet sich der allseiende Pan
– durch undurchdringliche bergklüfte,
durch den spurenlosen luftkreis,
und durch jene geisterwelten, aus lust erhebt er sich
von seinem ewigen lager, wo das flüchtige
herz des erdkreises keucht, und empfand
die wundersame herrin in tiefer einsamkeit
– und sie empfängt ihn auf ihrem smaragd.

(nach Shelley, the witch of atlas)

paris im mondlicht, Mary Ruefle

achherrje, paris im mondlicht
sogar die trunkenen bäume spazieren
ein einzelner schuh treibt rosa auf der seine
was sind das für bäume?
das sind bäume im mondlicht von paris
wie groß ist ihr schuh?
genau so groß wie die seezunge
die wir in der brasserie vor 1 stunde aßen
unter den bäumen im mondlicht von paris
ohne schmerzen bleiben wir hier
die bäume berühren uns nicht
der schuh erreicht uns nicht
jeden morgen ist ihnen der duft
des kaffees widerlich
so lange bleiben wir schmerzfrei in paris
prahlerisch barfuss
glimmen unsere aluhüte im mond
wir sind wie eine werbebotschaft
für jene, die nach uns kommen
jeder begreift ohne französisch
bleibt lieber gleich im bett

„Mary Ruefle’s poem “Paris by Moonlight” appeared in Paris Review Spring 2006 issue.“

Akzente 2016 Heft 1: alltag

Friederike Mayröcker – erinnerungen entgegen dem alltag, gedanken zuerst und dann der blutdruck, jugend, 1936, alter, rollator; in einem einzigen tag die einsamkeit und das leben in einem kopf

noch immer hat Tarkowski den modernsten ort gewählt, kein roadmovie, futuristische antizipation des eigenen alltags in befremdlichkeit, die zugleich irritiert – eine notiz von Perikles Monioudis

Nora Gomringer – astronautischer alltag sub species aeternitatis, tod, und wandlung; komm! pfingstgetwitter im dezember, kein christkind im advent, blut im leib, das seitenhöhlchen